Tobermory Distillery – eine Tour mit Olivier Maclean

Die Tobermory Distillery auf Mull steht schon seit Jahren auf meiner Liste. Einige Zeit gab es auf Grund von Renovierungsarbeiten keine Touren, aber ich habe Glück, denn erst seit Kurzem sind Touren wieder möglich. Der Brand Home Manager Olivier Maclean nimmt sich Zeit für mich und führt mich herum – auf deutsch.

Hintergrundwissen

Offiziell wurde die Destillerie 1798 von John Sinclair unter dem Namen Ledaig gegründet und ist damit eine der ältesten schottischen Destillerien in Produktion. Nur sechs ältere Destillerien sind noch in Betrieb und Blair Athol und Highland Park sind gleich alt. Welche das sind findest Du mit der Liste schottischen Destillerien heraus – einfach nach Gründungsjahr sortieren und im Filter „Active“ eintragen.

1916 ging die Tobermory Distillery nach Stillstand an die DCL (Distillers Company Ltd.) und der Betrieb wurde 1930 erneut eingestellt. 1972 unter dem alten Namen Ledaig wiedereröffnet und mit nun vier Brennblasen ausgestattet. Aber auch dieser Versuch wurde wieder eingestellt. Das war auch die Zeit, als die Lagerhäuser verkauft wurden und teilweise in Wohnungen umgewandelt wurden.

1993 dann übernommen durch Burn Stewart Distillers Ltd., die zwischenzeitlich zu Distell International gehören. Zwischen 2017 und 2019 gab es große Renovierungsarbeiten (u.a. Tausch eines Potstill Paares), und die Destillerie konnte nicht besichtigt werden, aber das Visitor Center blieb geöffnet. Nun 2022 wurde kurz vor meinem Besuch die Mash Tun im Juni ausgetauscht und gerade erst wurden wieder Touren möglich. Mal gut ich habe mich im Vorfeld erkundigt!

In der Tobermory Distillery werden zwei verschiedene Marken produziert: Tobermory (ungetorft) und Leadaig (getorft, ca. 30-40ppm). Erst seit 1989 ist unter dem Label „Tobermory“ auch sicher wieder ein Single Malt in der Flasche.

Die Tobermory Distillery befindet sich übrigens auf Insel Mull (innere Hebriden) westlich von Oban. Es gibt mehrere Fährverbindungen. Ich habe die von Oban nach Craignure (45-60 Minuten) und dann zurück von Tobermory nach Kilchoan (35 Minuten) auf der Ardnamurchan Halbinsel genommen.

Tour durch die Produktion

Die Fähre hatte ich relativ spät (einige Tage vorher) gebucht und habe dann nur noch eine Mittagsfähre bekommen. Die Rückfahrt habe ich offen gelassen und erst vor Ort sicher in Erfahrung gebracht, dass die Weiterfahrt bereits um 16:00 Uhr mit der letzten Fähre notwendig ist. Und dann hat mich unterwegs auf Mull noch eine Baustelle auf der Single Track Road zur Pause gezwungen. Durch diese Umstände hatte ich nur 45 Minuten Zeit, um mir die Tobermory Distillery anzuschauen. Ich hatte Glück, denn der Brand Home Manager Olivier Maclean erwartete mich bereits und versprach mir, dass wir das auch in 45 Minuten schaffen. Olivier ist Schweizer und unterhielt sich auf deutsch mit mir.

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Die Tobermory Distillery ist klein und übersichtlich. Wir starteten im kleinen Shop, in dem es neben einigen Geschenkartikeln auch Sonderabfüllungen gab, die man nur hier bekommt. Vorbei an der Mühle führte uns der Weg zur neuen Mash Tun. Die ist erst seit Ende Juni in Betrieb und auch Führungen waren wegen dem Umbau bis vor Kurzem nicht möglich. Weiter ging es zu den hölzernen Washbacks die im Zuge der Renovierung auch komplett getauscht wurden. Hergestellt wurden sie bei Brown Vats in Dufftown (SRT19).

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Weiter zu den Potstills ins Still House. Eines der beiden Potstill Paare wurde ebenfalls während der Renovierung bis 2019 ausgetauscht. Eine Besonderheit von Tobermory, die ich bisher noch nirgendwo anders entdeckt habe, sind die Lyne Arms. Die sind S-förmig (liegend) gebogen auf ihrem Weg zum Kondensator. Das erhöht den Reflux. Ich kann auch einen Blick in eine der Stills werfen, denn am Wochenende ruht die Produktion.

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Unsere Tour geht weiter zu den Spirit Receivern, sprich den Behältern, in denen der New Make bis zu seinem Abtransport gelagert wird. Für Lagerhäuser gibt es keinen Platz (das ursprüngliche Lagerhaus wurde vor langer Zeit verkauft), so wird der New Make aufs Festland gefahren und dort gelagert.

Dann kamen wir noch an einer Tür vorbei mit der Aufschrift „Duty Free Warehouse“. Doch ein Lagerhaus? Nein, hinter der Tür befindet sich die seit letztem Jahr in Betrieb befindliche Gin Still, den der Spirit für den eigenen Gin wird nicht mehr zugekauft bzw. aus der Whiskyproduktion entnommen, sondern hier selber produziert. An der Außenseite kommen wir noch an dem Sammelbehälter für „Draff“ (die feuchten Reste aus der Mash Tun) vorbei, der auch bei Tobermory an die lokalen Farmer geht.

Wir haben noch einen Blick in den regulären Tasting Room geworfen (mit den bunten Lichtern), aber Olivier und ich gehen nach nebenan in einen zweiten Tasting Room. Da ich noch fahren musste, versorgte mich Olivier mit einigen Samples. Vor Ort im Shop gibt es einige Abfüllungen, die hier immer wieder in kleinen Batches aus den Fässern geholt werden und als „Handfilled“ verkauft werden. Zwei solcher Handfilleds sind auch in meinem Set. Aber dazu mehr in einem eigenen Artikel.

Technische Daten der Tobermory Distillery

Das Malz wird ausschließlich aus Schottland bezogen: unpeated von Simpsons und peated aus Islay von den Port Ellen Maltings (30-40 ppm). Die 4 Malzbehälter haben eine Kapazität von je 15 Tonnen. Auch bei Tobermory hat man noch eine Porteus Mühle, die das Grist mit den Standard 70/20/10 produziert.

Für die alte Iron Cast Mash Tun wurden 5.5 Tonnen, für die neue Stainless Steel Semi Lautern Mash Tun werden nun 7.5 Tonnen Grist/Mash benötigt. In der Mash Tun wird mit den üblichen drei Wassern gearbeitet (1. 60°C; 2. 80°C; 3. 90°C). 33.000 Liter werden von der Mash Tun in ein Washback geleitet.

Es gibt bei der Tobermory Distillery 4 neue Oregon Pine Washbacks mit einer Kapazität von 50.000, die mit den 33.000 Liter gefüllt werden. Der Rest ist Ausweichvolumen. In den Wort wird Dry Yeast hinzugefügt. Die Fermentationszeit ist mit 56h kurz, aber übers Wochenende sind dies dann auch über 100h.

Es gibt zwei Potstill Paare. Die vorderen Stills sind die alten, hinten befinden sich die neuen (2019). Die zwei Wash Stills eine eine maximale Kapazität von 17.500 Liter, die zwei Spirit Stills 18.000 Liter. Dass die Spirit Stills größer sind ist tatsächlich selten. Sind in diesem Falle auch nur 500 Liter und ist optisch nicht wahrnehmbar. Produziert werden zur Zeit ca. 780.000 LPA mit einer 50:50 Aufteilung zwischen Tobermory und Ledaig.

Lagerhäuser gibt es aktuell für die Tobermory Distillery leider keine auf Mull. Eine Zeit lang wurde alles bei Deanston eingelagert. Zwischenzeitlich gibt es eigene Lagerhäuser auf dem Festland.

Fazit meiner Tour durch die Tobermory Distillery

Eine sehr schöne Tour. Ich habe zwar mehr Zeit damit verbracht, nach Tobermory zu kommen als mir die Destillerie anzuschauen, aber es hat sich gelohnt. Es ist vieles erneuert und ausgetauscht worden und entspricht damit wieder dem neuesten Stand der Technik. Ich finde es schön, dass z.B. noch die alten Lichtschalter erhalten geblieben sind und die Washbacks ohne Switcher aus Holz erneuert wurden. Olivier hat herzlich willkommen geheißen und wusste natürlich über alle Details Bescheid.

Spannend wird vermutlich noch, was aus der Destillerie (und den beiden Schwestern) wird, denn der Mutterkonzern Distell wurde zum Kauf angeboten und man befindet sich noch in Verkaufsverhandlungen. Heineken als Verhandlungspartner hat vermutlich kein Interesse an den Whisky Destillerien. Ich hoffe jedenfalls, dass die Mitarbeiter vor Ort sich zukünftig mal so „richtig austoben“ dürfen, denn da steckt sehr viel Potential, mehr aus dieser kleinen Destillerie zu machen.

SRT22 - Tobermory Distillery

Alle Bilder meines Besuchs bei der Tobermory Distillery während des Schottland Roadtrips 2022.
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Eine Zusammenfassung meines Schottland Roadtrips 2022 (#SRT22) findest Du hier. Oder Du nutzt das Hashtag #SRT22 an dem Artikel.

Und wenn Du noch mehr Destillerien aus der Nähe sehen willst, wirst Du hier fündig: Hauptmenü -> Themen -> Destillerietouren (neueste zuerst; oder auf der Seitennavigation – alphabetisch). Die Webseite der Tobermory Distillery hilft Dir bei den Touren weiter.

Die beiden Schwester-Destillerien habe ich übrigens bereits besucht: