Nc’nean Distillery – Frauenpower, Whisky und Kuchen

Die Nc’nean Distillery liegt abgelegen, nein sogar sehr abgelegen auf der Morvern Halbinsel im Westen Schottlands. Bereits vor zwei Jahren stand ein Besuch auf meinem Plan, der nun endlich umgesetzt wurde. Mein Besuch bei der Nc’nean Distillery war in vielerlei Hinsicht anders als erwartet.

Hintergrundwissen

Im März 2017 hat die Nc’nean Distillery ihren Betrieb aufgenommen. Gegenüber der Isle of Mull am schottischen Festland findet sich die neue Destillerie in Drimnin (hier auf Google Maps). Untergebracht in einem alten steinernen Bauernhaus wurde noch ein neues Kesselhaus und zwei (zwischenzeitlich vier) neue Lagerhäuser errichtet. Annabel Thomas ist Gründerin und CEO von Nc’nean. Gordon Wood ist der Distillery Manager. Das Land, auf dem die Destillerie steht, gehört seit ca. 20 Jahren der Familie von Annabel. Der Aufbau der Nc’nean Distillery wurde von Dr. Jim Swan unterstützt.

Bei Nc’nean wird Nachhaltigkeit gelebt. Jedes Detail wird hinterfragt und eine gute Lösung gesucht. Seit Januar 2022 gehört auch Nc’nean zu den wenigen Destillerien, die B-Corp gelistet sind. Ein weiterer Unterschied zu den meisten anderen Destillerien ist, dass Nc’nean nicht nur von einer Frau gegründet wurde, sondern von den aktuell 16 Teammitgliedern 10 Frauen sind. Und auch die Unterstützung durch (weibliche) Volunteers, die kurz vor mir hier waren, ist sehr ungewöhnlich.

Wenn Du wissen möchtest, wie man den Namen Nc’nean korrekt ausspricht, dann lausche Annabel:

Annabel: „In written terms, it is just 3 syllables – Nc (like Mc but with an N), ne (like the English work knee) and an (like the English name Anne).

Tour durch die Produktion

Die Ardnamurchan Halbinsel, auf der sich auch Nc’nean befindet, ist durchzogen von Single Track Roads. Kaum eine Stelle ist mal zweispurig und wenn, dann nur um gleich wieder einspurig zu werden. Auf dem Weg zu Nc’nean wird es dann besonders unübersichtlich, denn viele Kurven und Mauern lassen keinen freien Blick zu und die Straße lässt nicht viele Möglichkeiten, um auszuweichen. Das letzte Stück ist dann eine Privatstraße mit dem Hinweis, dass nur angemeldete Besucher diese benutzen dürfen. Ich bin angemeldet für die erste Tour um 10:00 Uhr, aber der Verkehr und ein liegengebliebener Laster haben meinen einkalkulierten Puffer von 30 Minuten komplett aufgebraucht und ich komme erst kurz nach 10:00 Uhr an.

Aber das ist überhaupt kein Problem, denn Amy Stammers sitzt ganz entspannt mit den anderen vier Gästen im Shop/Cafe und alle genießen Tee oder Kaffee. Nach einer herzlichen Begrüßung, einer Vorstellungsrunde und einer Tasse Kaffe (auch für mich), erzählt uns Amy erstmal ein wenig über die Nc’nean Distillery. Dazu gibt es dann auch noch einen „Nc‘nean Tonic“. Das ist ja mal ein Tourstart!

Amy erklärt uns auch die verschiedenen Rezepte, wie Nc’nean Whisky hergestellt wird:

  1. Distillers yeast, macht ca. 10% der Produktion aus und wird für den 10yo verwendet
  2. Brewers und Distillers Yeast, macht ca. 80% der Produktion aus und wird für den 5yo verwendet
  3. zusätzlich zu 2) gibt es dann noch „experimental“, d.h. es kommen verschiedene Hefen, Fässer, etc. zum Einsatz, um herauszufinden, wie sich das mit dem New Make entwickelt.

Ein Beispiel für ein solches Experiment ist die Huntress Abfüllung mit Rum Hefe. Aktuell gibt es drei verschiedene Abfüllserien:

  1. Core Range (5yo, Batches ähnlich)
  2. Quite Rebels (Members suchen ihr Liebliengsfass oder „Blending“ aus)
  3. Huntress – soll die Experimente würdigen

Unsere Tour beginnen wir beim Heizkessel, der den Dampf und die Energie für die Produktion liefert. Befeuert wird er mit Holzpellets, die in der Umgebung produziert werden. Weiter geht es zu den „Malt Bins“. Das sind aktuell eine Tonne fassende Säcke, denn auf der Strecke können keine großen Laster, sondern nur Kleintransporter verkehren. Nachdem das Malz durch die Mühle geschrotet wurde, wird es in einen Auffangbehälter transportiert. Die Säcke werden für das Draff (die Reste aus der Mash Tun) genutzt und gehen danach zurück an den Mälzbetrieb, der diese wiederverwendet.

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Wir gehen weiter zur zierlichen Mash Tun, die sich zusammen mit der restlichen Produktion auf einer Etage befindet. Über den Gitterrost führt uns Amy vorbei an den stählernen Washbacks ums Eck zu den beiden Potstills und dem Spirit Safe. Dann geht es die Treppe wieder herunter und wir stehen vor dem Spirit Receiver, aus dem die Fässer befüllt werden. Da dies bis vor Kurzem der größte Behälter der Nc’nean Distillery war, wurde dieser auch zum Mischen („blending“) des Batches verwendet. Nun gibt es einen neuen größeren Behälter in der neuen Filling Line und somit bald auch größere Batches.

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An der Wand des Filling Stores findet sich in großen Lettern auch das Motto der Nc’nean Distillery: „MADE BY NATURE NOT BY RULES“.

Nach der Tour geht es zurück in das „Besucherzentrum“ und Amy serviert uns allen ein Stück Kuchen mit einem Whisky. Neben dem Spirit Drink gibt es die Möglichkeit das aktuelle Batch, eine „Distillery Only“ Sonderabfüllung und den Huntress (Single Malt) zu probieren. Amy erzählt uns auch von den „Quiet Rebels“ Abfüllungen. Jeder im Team (sie nennen sich die Quiet Rebels) darf sich ein Release zusammenstellen und dieses wird dann abgefüllt. Amy muss auf Grund ihrer Auswahl noch ein wenig warten, aber die nächsten Abfüllungen sind schon in Vorbereitung.

Ich drehe noch eine Runde durch die Produktion und tausche mich mit Lorna Davidson aus, die heute Schicht hat.

Dann unterhalte ich mich noch ein wenig mit der Gruppe bevor wir uns verabschieden. Das holländische Paar wandert noch zur Kapelle, denn sie übernachten in der Gegend und haben am Vortag Annabels Mutter getroffen und um Erlaubnis gefragt. Das deutsche Paar macht sich auf zur nächsten Station. Im Elternhaus von Annabel werden für ein paar Monate jedes Jahr Zimmer vermietet. Ich mache noch einen kleinen Fußmarsch zu den Lagerhäusern, die sich oberhalb der Destillerie befinden. Leider ist alles geschlossen, denn die Quiet Rebels haben sich gerade zum Mittagessen eingefunden und dabei will ich nicht stören.

Technische Daten der Nc’nean Distillery

Es wird ausschließlich Organic Malt verwendet. Dieses ist süßer und hat laut Amy auch eine höhere Ausbeute („yield“) mit ca. 400l / Tonne Malz (380-390l bei den meisten nicht organischen Malts). Die Mühle stammt von Alan Ruddock (AR 2000/400) mit der das Grist wie bei den meisten anderen Destillerien im Verhältnis 70/20/10% gemahlen wird. Pro Mash wird eine Tonne benötigt.

In der 1-Tonnen Mash Tun wird mit drei Wassern gearbeitet. Nachdem die Mash Tun gefüllt wurde, darf die Mash für 1,5h „sitzen“. Insgesamt dauert es ca. vier Stunden, bis ein Washback gefüllt ist. Es gibt 4 Washbacks aus Edelstahl (stainless steel), die mit 5.000l gefüllt (8.000l max. Kap.) werden. An zwei Tagen gibt es eine kurze Fermentation mit 48h, an vier Tagen eine lange Fermentation mit 120h.

Die Wash Still hat eine Kapazität von 5.000 Litern wovon am Ende ca. 1.250 Liter übrig bleiben, die dann in die Spirit Still (Kapazität 3.500 Liter) gefüllt werden. Für die unterschiedlichen Rezepte gibt es auch unterschiedliche Cut Points. Die Kondensatoren würden normalerweise ca. 250 Liter Wasser pro Minute verbrauchen, aber auch hierfür hat meine eine Lösung gefunden, um Wasser einzusparen (die liegenden Kondensatoren und der Wasser Tümpel spielen dabei eine Rolle).

Gearbeitet wird aktuell an 5 Tagen/Woche und dabei eine Jahresproduktion von 96.000 LPA erzeugt. Pro Tag werden ca. 8.000 Liter Wasser verbraucht.

Ursprünglich wurden ca. 35.000 Flaschen / Jahr abgefüllt, dann 50.000 und jetzt sind es 75.000 Flaschen. Die neue Bottling Line wurde eben fertig gestellt. Aus den ursprünglich zwei sind jetzt vier Lagerhäuser geworden. Bisher wird der Spirit Receiver als größter Behälter für das Vatting benutzt (3.000l), zukünftig wird das in der Bottling Hall mit einem 20.000 Liter Vat erledigt. Damit wird vermutlich auch die Batch-Größe erhöht

Aktuell werden jeden Donnerstag 16 ex-Bourbon Fässer mit 63.3% (nicht 63.5%) gefüllt.

Rezept für den “Nc‘nean Tonic“

Das Rezept findest Du mit vielen anderen direkt auf der Nc’nean Distillery Webseite: Drinks.

Ingredients

  • 50ml Botanical Spirit
  • 100ml tonic water
  • 1 dash Angostura bitters
  • Grapefruit wedge to garnish

Method

Fill a highball glass with cubed ice and add all the ingredients. Gently stir then garnish with a grapefruit wedge.

Fazit meiner Tour durch die Nc’nean Distillery

Das war erfrischend anders. Man merkt nicht nur, dass sich alle für das Thema Nachhaltigkeit interessieren und einsetzen, sondern auch sonst auf sehr viele Details achten. Im Shop gibt es ein paar ausgewählte Produkte und wenn man seine leere Nc’nean Flasche mitbringt, kann man hier ein Refill bekommen (36.- GBP). Hier wird noch alles per Hand (mit maschineller Unterstützung) gemacht. Und mit sehr viel Frauenpower! Ein sehr schöner Vormittag, der auch sehr schnell verging. Ich komme gerne wieder!

Nc'nean Distillery - SRT22

Mein Besuch bei der Nc'nean Distillery auf meinem Schottland Roadtrip 2022
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Eine Zusammenfassung meines Schottland Roadtrips 2022 (#SRT22) findest Du hier. Oder Du nutzt das Hashtag #SRT22 an dem Artikel.

Und wenn Du noch mehr Destillerien aus der Nähe sehen willst, wirst Du hier fündig: Hauptmenü -> Themen -> Destillerietouren (neueste zuerst) oder auf der Seitennavigation (alphabetisch). Die Webseite der Nc’nean Distillery hilft Dir bei den Touren weiter.