Im Profil: Loch Lomond Distillery

Mein erster Gedanke: einer der günstigen Supermarkt-Whiskys. Einer von denen, die ich mal probiert habe und mir dann gesagt habe: brauche ich nicht mehr probieren. Nicht schlecht, aber auch nichts Besonders, das ich weiter erkunden möchte. Nun hat sich bei Loch Lomond in den letzten Jahren einiges geändert und seit dem 01.05.18 hat Kammer Kirsch den vollständigen Deutschland-Import und Vertrieb übernommen. Ich habe Florian Weiss und Donald MacLellan getroffen und die beiden haben auch einige Produkte zum Probieren dabei gehabt.

Bisher ist Loch Lomond (LL) für mich die „blaue Dose“ aus dem Supermarktregal hinter dem ein Fabrikgebäude am Rande von Glasgow (Alexandria) steht. Gesichert hinter einem hohen Zaun und in der Regel nicht für Besichtigungen geöffnet. Kein Produkt für das ich mich unbedingt interessiere. Keine traditionellen Herstellungsmethoden, sondern eine Fabrik mit hoher Kapazität (4 Millionen LPA Single Malt und ca. 20 Millionen LPA Grain).

Eingeladen hat Florian Weiss (Kammer Kirsch), denn seit dem 01.05. werden die Produkte von LL von Kammer Kirsch importiert. Als Unterstützung hat er Donald MacLellan (Loch Lomond Group, International Sales Manager) mitgebracht, der nun seit ca. vier Jahren bei LL arbeitet. Die beiden haben uns neun verschieden Produkte vorgesetzt und wir haben uns so einen guten Überblick verschaffen können. Spannender als die Produkte fand ich aber die Geschichten drum herum. Ist Loch Lomond wirklich das „hässliche Entlein“ für das ich es seit Jahren halte?

Hintergrund

Donald hat viel zu Loch Lomond erzählt und ich habe mich im Nachgang auch noch mit ihm ausgetauscht.

Ich versuche mal die für mich relevanten Fakten kurz und übersichtlich zusammenzufassen:

  • Die Loch Lomond Group wurde 2014 von Exponent Private Equity gegründet, nachdem man die Loch Lomond Distillery Company übernommen hat
  • Die Loch Lomond Distillery Company war davor seit 1987 im Besitz der Bulloch Familie
  • Die neuen Besitzer sind:
    • Colin Matthews, CEO, ex-Imperial Tobacco
    • Bruce Davidson, Business Development Director, also ex-Imperial Tobacco
    • Richard Miles, CFO, ex Diageo
    • Bill White, Production Director, ex-Grants
  • Zur Gruppe gehören neben Loch Lomond auch Glen Scotia (Campeltown) und Littlemill (bereits zerstört)
  • Bei Loch Lomond werden verschiedene Spirits hergestellt, die durch unterschiedliche Kombinatorik aus den folgenden Parametern erschaffen werden:
    • Herstellung aus Malt oder Grain
    • Hefetyp (drei unterschiedliche)
    • Still Typ (Pot Still, Inchmurrin [Lomond Typ], Continuous Malt, Continuos Grain)
    • Cooling im Head
    • Alkoholstärke (Low, Medium, High)
  • Die Namen der Spirits / Flavour Profiles – NICHT der Name auf der Flasche – und einige der Parameter:
    • Inchfad: dumpy pot still; gibt es auch in medium und heavy peated (50ppm)
    • Glen Douglas: von der ‘tall, straight’ still. Super fruchtig.
      • Craiglodge: lightly peated von der ‘tall, straight’ still
      • Croftengea: heavy peated von der ‘tall, straight’ still
    • Inchmurrin: non peated from tall straight still at high cut point
      • Inchmoan: heavy peat (50ppm) from tall straight still, at high cut point.
    • Rhosdhu: continuously distilled malt…mit einem cut point von 84%
    • Hinweis von Donald: „Loch Lomond, Inchmurrin (in the bottle) and Inchmoan (in the bottle) are trademarked ‘Distillery Bottlings’ that are not necessarily following the spirit descriptors above. For example, the Inchmurrin is not 100% from the Inchmurrin spirit above.“ Den Hinweis interpretiere ich mal so, dass aus verschiedenen Spirits eine „Vermählung“ stattfindet, aber der Hauptanteil wohl dem Schema oben entspricht.
  • Die LL Marken der Group ohne Glen Scotia, Littlemill und die Blends (8):
    • Glen Douglas, Craiglodge, Croftengea, Inchfad, Inchmoan, Inchmurrin, Loch Lomond (Single Malt ODER Single Grain), Rhosdhu (Single Grain, gibt es auch in „Medium Peated“ und „Heavy Peated“), Glen Garry (nur für Bars und Restaurants; Single Malt und Blend)
  • Sehr hohe Fermentationszeit von mind. 95 Stunden (seit ca. 1999) für LL und Glen Scotia Single Malts
  • Lt. Donald ist LL die einzige Destillerie in Schottland, die Grain (Weizen und Malz/kontinuierlich gebrannt) und Single Malt in einer Destillerie herstellt. Es gibt nach meinem Wissen noch ein paar weitere, aber die haben meist unterschiedliche Namen für die Destillerien (z.B. Girvan / Ailsa Bay).
  • Es wird neben „normalem“ Grain, der aus verschiedenen Getreiden hergestellt wird auch Single Grain aus 100% Malz produziert.
  • In der eigenen Küferei (cooperage) arbeiten 5 Küfer, die ca. 10.000 Fässer pro Jahr „re-charren“ und ca. 10.000 pro Jahr reparieren.
  • Verschiedene Potstills erzeugen unterschiedliche Malts (bumpy, high, water ring)
Erklärung einiger der Spirit Styles
Loch Lomond Spirit Styles Matrix, (c) Loch Lomond Group

Donald, warum haben die vier das Unternehmen vor vier Jahren gekauft und was steckt dahinter?

Donald: „The ethos and reason for them buying the distillery group is simple: they recognised a distillery group with an incredible quality and range of spirits, a huge depth of maturing stock and zero international presence and almost zero marketing / packaging / bottled portfolio so decided to buy the group and give each liquid the respect and investment deserved by launching them in high-quality packaging, with marketing support to a wide range of international markets to let each SKU and brand ‘shine’ worldwide.

Du hast erzählt, dass Ihr sehr viele Fässer in Euren Lagerhäusern habt. Wie viele sind das und was befindet sich darin?

Donald: „There are approximately 465,000 casks in the group, including an unnamed but limited number of Littlemill casks and around 30,000 Glen Scotia casks. I guess around half of the maturing stock is grain and the other half is malt and the age range is from zero (new fill) to 51 year old / 1966 Inchmurrin (LL) casks.

Was macht LL so besonders in Deinen Augen?

Donald: „As we produce malt and grain on the one site and as we have a cooperage and bottling hall in our company we are the only company that can produce a ‘Single Estate Blend’ thus why we are able to, with the SWAs blessing, call the blend Loch Lomond Distillery Reserve / Signature. It’s hugely exciting.

Warum stellt Ihr einen Single Grain aus 100% Malz her?

Donald: „We produce a continuous malt (called: Single Grain 100% Malt) and have done so since the year 2000 and this is mainly due to the fact that the previous owner was a Blend specialist so the continuously produced malt can increase the malt % of a blend for a lesser cost, which suited his operation then. Now, we bottle this fine spirit by itself as it’s cracking.

Kannst Du mir nach all den verschiedenen Spirits / Flavour Profiles noch erklären, welche Aromen ich in der Flasche finde? Denn die sind ja nicht unbedingt deckungsgleich mit den Spirits?

Donald: „Loch Lomond branded products are a Highland style.

  • LL Reserve and Signature have a hint of peat and are generally rich and spicy.
  • LL Single Malt, is as above.
  • LL Single Grain (Malt) is more clean and crisp, as it is a unique product.
  • And then Inchmurrin (all of them) are complex, rich and fruity.
  • And the Inchmoan’s (all of them) are heavily peated and complex.“

Danke Donald für die vielen Informationen!

Produkte in der Verkostung

  1. LL, Signature, 5yo, Blended Whisky
  2. LL, Single Grain, 100% Malt, 5yo
  3. Inchmurrin, 12yo, ncf, 46%, 100h fermentiert, Cut findet erst nach 2-2,5h statt bei 84%
  4. Inchmurrin, 10yo, Madeira Finish (teilweise 2 Jahre in Malmsey Fässern), ncf, 46%
  5. Inchmoan, 12yo, Peat 50ppm, ncf, 46%
  6. Inchmurrin, 2009/2018, SC für Kammer Kirsch, Manzanila Finish (29 Monate), 696 Flaschen, 56.2%
  7. Inchmurrin, 2007/2017, SC, Chardonay Hefe, Cask# 5834, 276 Flaschen, 58.4%
  8. Inchmoan, 2004/2017, 13yo, SC für Kammer Kirsch, Armangnac, hohe Brennblase, Peated 50ppm, 557 Flaschen, 55.7%
  9. LL, 2006/2017, 10yo, SC, fette Brennblase, Peated 50ppm, 282 Flaschen, 53.1%

Zu jedem der Whiskys hat Donald viele Zusatzinformationen gegeben und evtl. sind hier auch ein paar durcheinandergekommen. Die Nummern 1-5 sind Standard-Produkte, 6-9 Einzelfassabfüllungen. Schlechter Whisky war keiner dabei. Den Single Grain fand ich für einen 5-jährigen in dieser Preisklasse sehr gelungen. Nachdem Donald mehrfach darauf hingewiesen hat, dass auch Ardbeg den Whisky mit 50ppm herstellt, lag meine Erwartungshaltung natürlich sehr hoch und als Ardbeg Fan muss ich sagen: kommt an „meinen“ Ardbeg nicht ran. Aber trotzdem interessant und schmackhaft. Mein Highlight waren die beiden „ungewöhnlichen“ Single Casks. Armangnac ist eine eher seltene Finishing-Variante und war sehr spannend. Den solltet Ihr mal probieren, wenn Ihr die Möglichkeit habt. Aber mein Highlight war die Nummer 7. Mit Chardonay Hefe hergestellt habe ich bisher noch keinen Whisky probiert und das war ein sehr komplexes Tröpfchen.

Hilfreiche Gällisch / Englisch Übersetzungen

Donald hat uns ein wenig Nachhilfe gegeben, damit wir die Produkte besser zuordnen können:

  • LOCH = LAKE (See)
  • LOMOND = DEER (Hirsch)
  • INCH = ISLAND (Insel)
  • MOAN = PEAT (Torf)
  • MURRIN = GRASS (Gras)

Häßliches Entlein oder Rising Star?

Wir erfahren unter anderem von den verschiedenen Möglichkeiten, wie man den Geschmack bei der Herstellung von Whisky bei LL beeinflussen kann und welche davon auch schon seit Jahren verwendet werden. Einige der Fässer in den Lagerhäusern wurden mit unterschiedlichen Techniken (unterschiedliche Kombinationen aus den technischen Möglichkeiten) hergestellt und somit schmecken diese Whiskys ganz unterschiedlich. Ein Himmelreich für einen Blender. Das interessanteste für mich ist aber, dass die Bulloch Familie nur die jungen Whiskys (bis 3 Jahre) verkaufen wollte. Ältere wurden im Lagerhaus zurück gelassen und waren nicht mehr interessant. Das verspricht viele interessante Abfüllungen durch die neuen Besitzer.

Der Loch Lomond Group ist es gelungen, einige Partnerschaften im Golfbereich zu schließen und „poliert“ damit auch Werbe-technisch ein wenig das Ansehen auf. Aus der Pressemitteilung: „Die Loch Lomond Group hat eine angesehene, fünfjährige Partnerschaft mit „The Open“, der internationalsten Golf-Großmeisterschaft, vereinbart. Die Partnerschaft umfasst auch die Unterstützung der Ricoh Women’s British Open und wird das gesamte Sortiment an Loch Lomond Whiskys weltweit präsentieren. Das prämierte Sortiment der Loch Lomond Whiskys wird somit „The Spirit of the Open“ dieser prestigeträchtigen Golftuniere. Darüber hinaus hat die unabhängige schottische Destillerie eine hochkarätige Partnerschaft mit dem international berühmten Golfprofi Colin Montgomerie vereinbart, um das Sortiment der preisgekrönten Single Malts Whiskys in der ganzen Welt bekannt zu machen.

(c) Loch Lomond Group – Produktportfolio

Ein hässliches Entlein ist Loch Lomond sicher weiterhin von außen. Eine Fabrikhalle bleibt eine Fabrikhalle. Aber die Experimentierfreude mit der seit Jahren Whisky produziert wird, ist neu für mich. Die ersten vier Single Casks, die ich hier probieren durfte, fand ich schon mal sehr spannend. Die Standards sind alle gut trinkbar und haben ein faires Preis-Leistungs-Verhältnis. Unter den Single Casks werden sich aber in den nächsten Jahren sicher einige Perlen zeigen, die es in der Form von keiner anderen Destillerie geben wird. Ob es für einen „Rising Star“ reichen wird, wird sich zeigen.

Bildet Euch auf jeden Fall eine eigene Meinung und probiert noch Mal die aktuellen Produkte. Es lohnt sich.