Das erste eigene Online Tasting mit Freunden

Ein Online Tasting ist zur Zeit die einzige Alternative, wenn man mit anderen zusammen ein Tasting “besuchen” möchte. Ich wollte endlich mal wieder mit einigen Freunden zusammen über Whisky fachsimpeln und uns in einer Gruppe austauschen. Hier mein Erfahrungsbericht…

Technik – das passende Videokonferenz-Tool

Wenn man in geselliger Runde “virtuell” zusammen sitzen will, sollte man ein Bild von seinem Gegenüber sehen. Dafür benutzt man am besten ein Videokonferenz-Tool.

Aktuell gibt es viele Erfahrungsberichte und Tools zum Thema, aber mit den nachfolgenden hier habe ich mich auseinandergesetzt und getestet:

  • Zoom
    Mit der kostenlosen BASIC Version hat man fast alles, was man benötigt und die Funktionen sind einfach anzuwenden. Mir fehlt dabei aber sowohl das Thema “Sicherheit”, wie auch der Warteraum, mit dem man verhindern kann, dass ungebetene Gäste der Konferenz beitreten.
  • Jitsi
    Ähnlich wie Zoom, aber wohl sicherer und vor allem kostenlos.
  • Teams
    Microsoft kurbelt das Thema gerade an und stellt nun auch Teams kostenlos zur Verfügung. Hier fehlt mir noch ein wenig die Verbreitung bei “Endanwendern”, denn das Toolset ist an das Office Paket angebunden und war bis vor Kurzem nur als Paket-Erweiterung zu haben.
  • Meet
    Auch Google hat mit Meet und Hangout Großes vor und will Meet demnächst kostenlos anbieten. Bei Google habe ich in Verbindung mit “kostenlos” nur meine Vorbehalte.
  • WebEx
    Neben Video-Meetings kann man hier auch Telefon-Konferenzen professionell abhalten (z.B. kann man als Moderator alle Teilnehmer stummschalten), Warteräume, Passwörter usw. nutzen. Auch hier gibt es eine kostenlose Version (wie bei Zoom).

Zoom gefällt mir (wie wohl vielen anderen) tatsächlich aus Nutzersicht sehr gut, aber leider ist es (nach wie vor) unsicher. Entschieden habe ich mich für WebEx, da ich dieses bereits beruflich nutze. Ist zwar ein wenig “sperrig”, aber schon lange auf dem Markt und sicher.

Organisation

Whisky

In meinen Regalen haben sich einige Whiskys angesammelt, die ich gerne mal probieren wollte. So gibt es die ein oder andere “Serie” von Lieblingsdestillerien und mir bereitet es Vergnügen, wenn man unterschiedliche Abfüllungen miteinander vergleichen kann. So habe ich für unser erstes Tasting “Glen Scotia” vorgeschlagen und diese Whiskys wurden verteilt:

  • Glen Scotia 2006 SMWS 93.96, 53.3% – Whiskybase
  • Glen Scotia 2008, Campbeltown Malts Festival 2018, 57.8% – Whiskybase
  • Glen Scotia 2006, Distillery Only, 57.2% – Whiskybase
  • Glen Scotia 2006 SMWS 93.81, 58.5%, peated – Whiskybase

Gerade der Vergleich von unterschiedlichen Abfüllern und Einzelfässern oder Batches zeigt häufig erst die Bandbreite einer Destillerie auf. Auch die einzelnen Original-Abfüllungen einer Destillerie können als “vertical” interessant sein. Verschiedene Destillerien im gleichen Alter, Preisklasse, etc. Themen gibt es mehr als genug und man muss auch nicht unbedingt ein Thema haben.

Terminfindung

Das scheint in den aktuellen Zeiten einfacher zu sein, denn wir konnten uns recht schnell auf einen gemeinsamen Termin einigen. Da niemand fahren muss, spielt auch der Ort keine Rolle mehr. Zur Terminfindung habe ich mehrere Termine (Freitag / Samstag) in einem Doodle-Kalender vorgeschlagen und jeder potentielle Teilnehmer hat seine Verfügbarkeit eingetragen. Ein gemeinsamer Termin war somit schnell gefunden. Beim Termin sollte man berücksichtigen, dass die einzelnen Proben alle Teilnehmer erreichen müssen, und die Lieferdienste sind aktuell nicht immer so schnell.

Versand und Kostenteilung

Nun geht es an die Arbeit, und die muss wohl einer im Vorfeld übernehmen. Hier kann man sich sicher die eine oder andere Variante überlegen, aber beim ersten gemeinsamen Online Tasting habe ich das übernommen.

Das braucht man dazu:

  • Samplefläschchen (5cl oder nach Belieben andere Größen)
  • Trichter (hier nutze ich einen Mini-Trichter aus Metall)
  • Etiketten (ich habe einen Etikettendrucker benutzt)
  • Versandkartons (Maxibrief Größe)
  • Verpackungsmaterial (ich nutze meist Flocken, die ich receycle)
  • Klebestreifen (hier gibt es receycelbare auf Papierbasis)
  • Versandetiketten (Online-Etiketten der Post)

Ich habe jede Flasche zum Selbstkostenpreis verrechnet, da ich mit Freunden teile. Wenn sich die Gruppe vermischt oder sich sonst kein freiwilliger findet, könnte die Gruppe z.B. die Samples des “Versenders” übernehmen. Das Abfüllen, Verpacken und Versenden nimmt einiges an Zeit in Anspruch – das sollte man nicht unterschätzen. Die Auslagen haben wir über Paypal & Friends erstattet oder bar bei Übergabe. Ich persönlich präferiere Paypal, denn Bargeld wird man aktuell nicht so leicht los.

Einladung und Technik Check

Über WebEx kann man, wie bei den meisten Tools, die Teilnehmer direkt einladen. Dazu benötigt man e-Mail Adressen, um nicht jeden über einen anderen Kanal einladen zu müssen. WebEx erinnert die Teilnehmer auch an den Termin. Beim ersten Mal habe ich eine Session im Vorfeld gestartet, damit jeder Mal seine Technik ausprobieren bzw. einen Client installieren konnte. Das war aber vor allem für mich hilfreich, um Erfahrungen in der (Video-)Moderatoren-Technik-Rolle zu sammeln.

Durchführung

Moderation

Mit WebEx kann man auch andere Teilnehmer zum Moderator ernennen. Der Moderator hat ein paar technische extra Funktionen und kann z.B. alle anderen Teilnehmer stumm schalten. Vor allem bei einem geselligen Beisammensein sollte man das nicht wie im geschäftlichen Umfeld moderieren, aber einer sollte neben der Technik ggfs. auch “einschreiten”, wenn alle durcheinander reden. Das klappt bei Videokonferenzen nämlich nicht so gut und man kann nichts mehr verstehen.

Verschiedene Ansichten

Bei WebEx gibt es (wie bei den anderen häufig auch) verschiedene Ansichten, die sich je nach Gerät unterscheiden können. Meist gibt es eine Kachel-Sicht (9-50 Teilnehmer auf einer Seite; am PC meist mehr als auf mobilen Geräten), eine “aktiver Sprecher” Sicht und manchmal eine Kombination aus beidem. Gerade für ein gemeinsames Tasting finde ich die Kachelsicht am besten, denn so hat man alle Teilnehmer dauerhaft im Blick.

Umgangsformen

Wir haben das vorher nicht besprochen, aber wir haben uns alle ein wenig zurückgehalten und das war gut so. Grundsätzlich kann ich die folgenden Empfehlungen geben:

  • Mikrofon gerne stumm schalten, wenn man gerade nichts sagen will oder spätestens, wenn man Lärm macht.
  • Andere aussprechen lassen, denn wenn alle reden, versteht keiner mehr was gesprochen wird (das klappt in einer Videokonferenz sonst nicht im Vergleich zu “real life” Gesprächen)
  • Jeden Mal zu Wort kommen lassen (hier kann der Moderator sonst auch mal einen stillen Teilnehmer ansprechen)

Medien und Umfragen

Mit den Video-Konferenz-Tools kann man auch “eigene Inhalte” teilen, d.h. etwas (z.B. eine Präsentation, ein Bild, etc.) mit den anderen Teilnehmern gemeinsam betrachten (teilweise auch bearbeiten). Ich habe zwei Features genutzt:

  • Präsentation (Powerpoint) für einen “Wilkommens-Bildschirm” und die Liste der Whiskys. Da sie alle von einer Destillerie kamen, habe ich auch noch einen Screenshot meiner Whisky-Map gemacht.
  • Umfrage
    Das eine oder andere kann man natürlich besprechen und jeden einzelnen Teilnehmer fragen, aber ich habe auch mal eine Umfrage gestartet und das Ergebnis dann der Runde gezeigt (z.B. welcher der vier Whiskys hat Euch am besten gefallen).

Stolpersteine

Videoqualität

Je nachdem wie groß die Bandbreite bei einem Teilnehmer ist und wie gut das Empfangssignal an der gewählten Stelle ist, wird das Videosignal evtl. mit geringerer Qualität oder gestört übertragen. Wir hatten damit kein Problem.

Störgeräusche

Manchmal zickt die Technik oder manchmal sind andere Geräusche für andere Teilnehmer störend. Das bekommt dann jeder auf die Ohren und man versteht nichts mehr. Das passiert schon Mal, sollte aber nicht dauerhaft der Fall sein. Manchmal stört man aber auch sein Umfeld. Also: geeigneten Platz suchen, evtl. Kopfhörer verwenden und stumm schalten, wenn man Lärm machen muss (oder einfach immer, wenn man nichts zu sagen hat).

Moderation

Nicht zu viel aber auch nicht zu wenig. Ernennt einen zum Technik-Moderator und schaut, dass alle zu Wort kommen. Das muss nicht unbedingt ein Moderator übernehmen. Wichtig ist, dass man zusammen einen vergnüglichen Abend verbringt.

Anzahl der Teilnehmer

Ich denke, dass man ein Online-Tasting mit 2-12 Freunden ganz gut hinbekommt. Je mehr Teilnehmer, desto weniger Redeanteil, da man nacheinander reden muss. Je mehr Teilnehmer, desto weniger sieht man in der Kachelansicht (dann evtl. auf “aktiven Sprecher” umschalten). Für mich ist die Idealzahl dann erreicht, wenn ich die Flaschen verteilt habe und für mich noch genug vom Whisky übrig bleibt.

Auswahl der Whiskys

Das ist gar nicht so einfach, denn bisher haben wir uns meist so getroffen, dass jeder eine Flasche mitgebracht und jeder bei den Flaschen probiert hat, die ihn interessieren. Aktuell plündere ich meine Vorräte und kaufe Flaschen, die zu einem Tasting passen könnten. Ferner stimmen wir am Ende eines Tastings darüber ab, welche wir beim nächsten Mal verkosten wollen. Bisher haben die Auswahl dann alle mitgemacht, obwohl es nicht immer den persönlichen Geschmack getroffen hat.

Fazit

Ich fand es toll mich mit einigen meiner Freunde und Bekannten in geselliger Online-Runde zu treffen und uns auszutauschen. Auch den anderen scheint es gefallen zu haben, denn wir haben schon die zweite Runde vorbereitet. Ich hoffe ich konnte ein paar Tipps geben. Macht es einfach nach. Und wenn es euch zu aufwendig ist, könnt ihr an einem organisierten Online-Tasting teilnehmen. Das gibt es nicht nur von Whisky-Läden, sondern auch von Ambassadoren, Tasting-Firmen oder Whisky-Herstellern. Mir gefällt die persönliche Runde aber am besten.